Der Hund

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Lernen

Lernen wird definiert als Veränderungen in der Wahrscheinlichkeit, mit denen Verhaltensweisen in bestimmten Reizsituatinen auftreten. Ausgenommen sind Verletzung und Reifung.

Lernen ist immer obligatorisch oder fakultativ. Das obligate (verpflichtende) Lernen ist wichtig für das Überleben. Die Dressur ist fakultatives lernen und nicht fürs Überleben notwendig. Bei der Dressur werden Sequenzen von natürlichen Verhaltensabläufen isoliert verfeinert

Lernen dient dem Erwerb von Informationen durch

  • Wiederholung
  • Mit entsprechender Belohnung oder Bestrafung
  • Informationserwerb ist während des ganzen Lebens möglich
  • Erlentes kann wieder vergessen werden

Lernähnliche Prozesse sind Prozesse, auf die nicht alle der oben genannten Punkte zutreffen.

Gewöhnung (Habituation)
Gewöhnung ist die Fähigkeit der Nichtreaktion auf einen Reiz, der nichts bringt. Die Reaktion des Tieres auf bestimmte Reizmuster (z.B. Knall), kann mittels Gewöhnung ausgeschaltet werden. Bei häufiger Wiederholung dieses Musters wird die Reaktion des Tieres schwächer und bleibt schliesslich aus. Es erfolgt somit eine spezifische Erhöhung der Reizschwelle. Die Gewöhnung ist auch ein Schutz vor Reizüberflutung. Die Reizempfindung bleibt dadurch frei für Wichtiges.

Desensibilisierung
Auch bei der Desensibilisierung gewöhnt man ein Tier an etwas, vor dem es Angst hat. Die Geräsuche, vor denen das Tier Angst hat, nimmt man beispielsweise auf ein Tonband auf. Anfänglich lässt man diese Geräusche ganz langsam ablaufen, in einer Dosierung von ca. 20 Minuten. Diese Übungen finden täglich statt, über einen Zeitraum von 30-40 Tagen. Dabei wird das erwünschte Verhalten belohnt.

Prägung
Eine Prägung ist nur in bestimmten Lebensabschnitten, in der frühen Jugend, möglich (sensible Phase). Umwelteindrücke erhalten während dieser Zeit  eine bestimmte Bedeutung. Der Lernvorgang erfolgt relativ schnell.
Bei Objekten, die arm an Reizen sind müssen sehr viele Informationen gespeichert werden. Deshalb findet da nur schwer eine oder gar keine Prägung statt. Versäumte Prägung ist beim Säuger zum Teil reversibel durch Lernen, beim Vogel nicht.

Lernvermögen (Lernbegabung)
Das Lernvermögen ist festgelegt. Soziale Tiere haben eher spezielle Begabungen, z.B. Papageien, Affen, Wellensittiche. Die Sozialstruktur wiederum hängt von den Lebensbedingungen ab (Nesthocker, Nestflüchter). Weitere Kriterien für das Lernvermögen ist die Rassezugehörigkeit. Kommandos lernen diejenigen Tiere, z.B. bei Hunden, am besten, die schon seit Generationen mit Kommandos arbeiten. Dazu gehören unter anderen auch Hirtenhunde. Wer zum Rennen geboren ist (Windhunde) kann am besten Rennen. Dafür liegen diesen Hunden die Kommandos nicht so sehr. Aufgaben, die in den natürlichen Lebensraum eines Tieres passen werden am besten gelernt. Beim Hund ist zu berücksichtigen, dass er gern direkt (geradeaus) geht beim Aufgaben lösen.

Ob ein Verhalten angeboren oder erlernt ist, kann man herausfinden. Tritt ein Verhalten immer wieder auf, könnte es auch abgeschaut sein. Ein spontanes Auftreten einer Handlung kann ein Indiz sein, dass es genetisch, also vererbt ist. Wenn nicht artverwandte Tiere (z.B. Enten) die gleichen Verhaltensweisen haben, liegt es nahe, dass das Verhalten vererbt ist.

Stellt man einem Tier eine Aufgabe, muss ein Sinnesapparat imstande sein, beispielsweise einen Schall wahrzunehmen oder eine Taste drücken zu können. Die Lerndisposition steht im engen Zusammenhang mit dem Lebensraum (Habitat) und dem natürlichen Verhalten der Art.

Erworbene Lerndispositon
Die Lernfähigkeit hängt nicht allein von den Erbanlagen ab. Durch eine reizreiche Umgebung werden höhere Gehirnrindengewichte, höhere Werte bei bestimmten Enzymen des Gehirnstoffwechsels und grössere Nervenzellen erreicht. Vorgeschichte und Haltungsbedingungen eines Tieres haben einen wesentlichen Einfluss auf dessen Lernvermögen. Die Förderung des Lernvermögens sollte möglichst früh erfolgen. Bei Ratten konnte eine Vererbung der Lernfähigkeit nachgewiesen werden. Die erworbenen Lerndispositionen sind durch die Umwelt beeinflussbar.

Überforderte Welpen werden wesensschwach und ängstlich. Man sollte deshalb spielerisch mit der Erziehung beginnen. Beschäftigung fördert das Lernvermögen und wie oben angeführt erhöht sich das Gehirnrindengewicht.

Aktuelle Lerndisposition
Die aktuelle Lerndisposition hängt von der Tagesverfassung, der Tageszeit und dem Gesundheitszustand des Tieres ab. Sehr günstig für Lernprozesse sind Zeiten, in denen individuell der Aktivitätsanfang- und die Endzeit sind. Die Mittagszeit ist ungeeignet um Neues zu lernen. Auch während der Läufigkeit ist die Zeit ungünstig. In dieser Zeit sollten auch keine Therapien stattfinden.

Angeborenes Verhalten und Lernen (AAM: Angeborener auslösender Mechanismus)

Neuro-sensorischer Mechanismus, der die Hemmung aufhebt, so dass der Instinkt sich erfüllen kann. Der Mechanismus ist stammesgeschichtlich erworben. Es existiert ein lernunabhängiges verhaltensauslösendes Schema das jedoch nicht sehr spezifisch ist.

Bei diesem Vorgang selektieren Neurosensoren bestimmte Reize oder Reizkonstellationen, die die Hemmung des spezifischen zentralen Erregungszustandes aufheben („entriegeln“, daher werden  Reize auch Schlüsselreize genannt), so dass die Erregerimpulse an die motorischen Zentren und von dort an die Erfolgsorgane weitergeleitet werden können, wodurch das gespeicherte Programm in Form der Endhandlung (Instinkthandlung) abläuft.

Beispiel: Hat eine Kröte einige Male vergeblich nach einem Blättchen geschnappt, meidet sie es anschliessend. Hat sie ein schlecht schmeckendes Insekt erwischt, so reicht meist ein einmaliger Kontakt, den Auslösemechanismus zu unterbinden. Jeder AAM kann durch Erfahrung modifiziert werden und wird dadurch zum EAAM. 

Obligatorsiches Lernen (obligatorsich = verpflichtend)
Obligatorisches Lernen ist für das Leben eines Individuums unbedingt notwendig. Dieses Lernen erfolgt beim Jungtier vor allem im Rahmen des Spielverhaltens. Angeborene Verhaltensmuster werden durch Lernprozesse verfeinert und auf spezifische Eigenschaften des Lebensraumes abgestimmt.

Weshalb ist nicht das gesamte, feine Verhalten angeboren? Die Speicherung des gesamten Verhaltens inklusive aller Feinabstimmungen würde einen enormen Aufwand an Speicherung im genetischen Code erfordern. Ein Teil dieser Informationen würde nie genutzt werden, da beispielsweise nicht alle möglichen Beutetiere im Lebensraum des betreffenden Tieres vorkommen. Es ist somit ökonomischer, nur ein Grundmuster abzuspeichern, welches durch Lernprozesse ergänzt wird.

Lernen durch Observation (Beobachtung)
Zur Vermeidung von Verlust bestimmter Verhaltensmuster entwickelte sich Lernen durch Observation. Auch Vermeidung kann durch Beobachtung erlernt werden. Die Tradition bewahrt also in einer Gruppe erworbene Verhaltensmuster über mehrere Generationen. Dadurch werden Lernkapazitäten zum Erwerb neuer Verhaltensweisen freigehalten.

Latentes Lernen
Latentes (versteckt, verborgen) Lernen ist Lernen, welches ohne erkennbaren Grund und ohne Motivation auftritt.

Kineästisches Lernen (Lernen durch Bewegungswahrnehmung)

Wird zum Erlernen von Bewegungsabläufen verwendet. Der „Schüler“ lernt eine Bewegung auf Grund einer Wahrnehmung. Es wird beispielsweise die Hand des betreffenden Schülers genommen und mit ihr die Bewegung ausgeführt. Soll ein Braunbär einen Handstand lernen, wird er an der Hinterhand hochgezogen und danach mit Futter belohnt.

Konditionierung
Eine Konditionierung ist das Aufbauen oder Abstellen von bestimmten Verhaltensweisen oder Gewohnheiten als Lernergebis (im ZNS gespeichert), das aus einer wiederholten, gleich bleibenden Kombination von Umweltreizen mit einer bestimmten Reaktion resultiert.

Klassische Konditionierung
Bei der Fütterung z.B. von Nutztieren treten unmittelbar vorher eine Reihe von Geräuschen auf. Scheppern von Eimer, Motorengeräusche usw. Diese am Anfang neutralen Reize erlangen nach einiger Zeit den Charakter eines konditionierten Stimulus (CS), das heisst, sie lösen Speichelfluss und Sekretion von Magensaft aus. Dieser Effekt ist von der Verdauungsphysiologie her wünschenswert, da er eine Vorbereitung des Organismus für die „angekündigte“ Futteraufnahme bewirkt.

Die Vorbereitung zum Melken von Kühen gehen gleichfalls mit Geräuschen einher, die nach einiger Zeit ebenso den Charakter des konditionierten Stimulus (CS) erhalten. Auch sie können eine Vorbereitung des Organismus zur Milchejektion über eine Erhöhung des Oxytozinspiegels bewirken.

Auch bei der Abrichtung bzw. Dressur wird die klassische Konditionierung verwendet. Belohnt man ein Tier mit einem Leckerbissen für das Ausführen oder Unterlassen einer bestimmten Handlung, so lobt man das Tier meist gleichzeitig (brav, fein). Führt man diese Paarung Belohnung-Brav mehrmals durch, so erlangt nach einiger Zeit der neutrale Reiz „brav“ den Charakter eines konditionierten Stimulus (CS). Das heisst, das Wort „brav“ tritt an die Stelle der tatsächlichen Belohnung und hat nahezu die gleiche Wirkung wie die Belohnung selbst.

Ähnlich verhält es sich mit der Bestrafung, die beispielsweise mit dem Wort „pfui“ verbunden wird. Auch hier erlangt das Wort allein nach einiger Zeit aufgrund einer klassischen Konditionerung bestrafenden Charakter.

Schmerzhafte Behandlungen von Tieren sind mit einer grossen Zahl neutraler Reize verbunden, die den Charakter eines konditionierten Stimulus (CS) zur Auslösung von Angst enthalten können: Geruch beim Tierarzt, der weisse Mantel des Tierarztes usw. All diese Reize können, ohne dass ein Anlass besteht, Angst auslösen und das Verhalten des Tieres drastisch beeinflussen. Deswegen sollte das Verhalten eines Tieres nach Möglichkeit in seiner gewohnten Umgebung und unter Verzicht auf weisse Berufskleidung untersucht werden.

Operante Konditionierung
Auch: Lernen am Erfolg, Lernen an Versuch und Irrtum, Instrumentelle Konditionierung

In dieser Lernsituation soll das Tier eine bestimmte Handlung setzen, um eine Belohnung zu erhalten bzw. einen unangenehmen Reiz zu vermeiden.

Die Operante Konditionierung wird mit Motivation durchgeführt. Das Tier bewältigt die gestellte Aufgabe wenn es dafür belohnt wird. Die Belohnung kann mit besonderen Leckerbissen erfolgen oder mittels normalem Futter. Bei der Operanten Konditionierung werden durch wiederholtes Probieren jene Reize „kennengelernt“, die zu Belohnung führen, d.h. für das Individuum günstigere Bedingungen schaffen. Bei wiederauftreten dieses Reizes (positive Verstärkung) erfolgt dann unmittelbar die bestimmte, zum Erfolg führende Reaktion.

Bekräftigung
Bei der Bekräftigung ist darauf zu achten, dass sie qualitativ und quantitativ gleich bleibt. Wird während des Experiments das Ausmass der Bekräftigung verändert, kann sich auch das Motivationsniveau ändern. Sollen Aufgaben rasch gelernt werden, ist die kontinuierliche Bekräftigung anzuwenden, jede richtige Reaktion wird belohnt.

Quotenbekräftigung
Bei der konstanten Quotenbekräftigung wird beispielsweise jede 4. richtige Reaktion belohnt. Wir die variable Quotenbekräftigung angewendet, wird im Durchschnitt jede 4. richtige Reaktion belohnt. Der Bereich der Quoten liegt dann z.B. bei 2 und 6. Der Vorteil der Quotenbekräftigung liegt darin, dass das Gelernte länger behalten wird, alls wenn bei jeder richtigen Reaktion eine Belohnung erfolgt. Bis das Gelernte sitzt, dauert es bei dieser Form von Belohnung jedoch etwas länger. Andererseits wird Erlerntes, bei dem jede Richtige Reatkion mit Leckerbissen belohnt wird, bald wieder „vergessen“ wenn keine Belohnung mehr erfolgt.

Negative Bekräftigung (Strafe)
Die negative Bekräftigung sollte aus tierschützerischen und auch aus theoretischen Überlegungen nicht angewandt werden, denn ein schlecht oder langsam lernendes Tier würde eine grössere Anzahl Bestrafungen erhalten als ein gut lernendes Tier.

Untrennbar mit dem Lernen ist auch das Gedächtnis verbunden.